29 – Die Re-Vision

Steht eine neue Aufklärung bevor?

Unbedingt lesen! Die neuen Schlüsselbücher des POSSIBILISMUS. Hans Rosling und Stephen Pinker, die Auguren der Neuen Aufklärung.


© G ambrus, Pieter Kuiper via Wikimedia Commons

Normalerweise schreibe ich keine Bücherbesprechungen. Auch dieser Text ist keine. Doch es ist an der Zeit, zwei gedruckte Werke hymnisch zu loben, die nicht zufällig DEMNÄCHST erscheinen. Und schon jetzt erheblichen Wirbel aufwirbeln. Vielleicht schaffen sie es, unseren Zukunfts-Diskurs in eine neue Richtung zu führen.

Das eine, »Factfulness«, ist das Erbe von Hans Rosling, dem wunderbaren Stockholmer Statistiker und Welt-Daten-Guru, der mit Waschmaschinen auf der Bühne auftrat und mit seinen TED-Vorträgen bekannt wurde. »Factfulness« (ich bin ein bisschen stolz, weil ich den Titel erfunden habe), analysiert die psychologischen »Biases«, die Irrtümer, mit denen unsere Welt-Wahrnehmung ins Negative verzerrt wird. In der deutschen Übersetzung heißen diese Verzerrungen INSTINKTE:

  • Der Instinkt der Kluft.
  • Der Instinkt der geraden Linie.
  • Der Instinkt der Verallgemeinerung.
  • Der Instinkt der Schuldzuweisung.
  • Der Instinkt der einzigen Perspektive.

Es sind dieselben Irrtümer, mit denen wir uns in der ganzheitlichen Zukunftsforschung beschäftigen. Hans hat sein Leben lang – er starb 2017 – gegen diese Angst-Verzerrungen gekämpft, mit Humor, Gelassenheit, List und guter Statistik. In seinem Nachlass-Buch kommt aber auch eine gewisse Traurigkeit zum Vorschein. Hans weiß, dass er nicht wirklich viel bewirkt hat mit all seinen animierten Zahlenwelten. Er hat es in den SPIEGEL geschafft und auf große Konferenzen, seine aufklärerische Weitsicht blieb aber immer eine Randerscheinung. Man hielt ihn bisweilen für skurril, einen netten, aber auch naiven Professor, oder gar für einen Verharmloser all der schrecklichen Trends auf unserem Planeten. Den Zorn darüber spürt man manchmal in seinen lebhaften Vorträgen. In FACTFULNESS macht er daraus eine altersmilde Haltung.

Die Formel, dass „weltweit alles immer schlimmer wird” in Sachen Armut, Gewalt, Krankheiten, Gesellschafts-Spaltung, Umwelt, Demokratie. Naturkatastrophen, dass „die Welt völlig aus den Fugen ist”, der »Deklinismus« also (vom englischen »decline« – niedergehen, untergehen), ist zu so etwas wie dem aktuellen Massen-Aberglauben geworden. Dagegen kämpft auch der zweite Autor schon seit vielen Jahren an. Stephen Pinker, Kognitionswissenschaftler und Evolutions-Psychologe, hat mit seinem vorletzten Buch »Gewalt« (im Englischen viel schöner: „The Better Angels of our Future”) geschildert, wie die Gewalt im Lauf der Menschheitsgeschichte ständig zurückgegangen ist.

Heute sterben so wenig Menschen in Kriegen und an Gewaltkriminalität wie niemals zuvor, und die positive Entwicklung geht weiter – wir alle können etwas dafür tun. Doch der voyeuristische Overkill der Medien und das ideologisierte Fiebern des Netzes erwecken immer den genau gegenteiligen Eindruck: Überall regieren Mord und Totschlag, alles wird immer gewalttätiger, und man muss sich »demnächst« bewaffnen… Dass an den grausamen Inszenierungen der aktuellen Gewalt wie School-Shootings und Selbstmordattentaten vielleicht die Medien mit ihrem Einschaltquoten-Populismus eine Mitverantwortung tragen, dass heute an jedem Ort eine Kamera steht und jeden Abends die allerscheusslichsten Morde FIKTIV inszeniert werden, ist kaum artikulierbar.

Stephen Pinker ist jetzt mit seinem neuen Buch auf eine wahrhaft große Mission gegangen: Er möchte uns das Zeitalter der Aufklärung zurückbringen. In Amerika, das unter dem postfaktischen Irrsinn wohl am meisten leidet, ist sein »Enlightenment Now« (Aufklärung Jetzt!) bereits ein Riesen-Bestseller. Bill Gates erklärte es zu seinem Schlüssel-Lieblingsbuch. Dieser Erfolg deutet an, dass wir vor einer Zeitenwende in der öffentlichen Debatte stehen könnten. Das allgemeine Doomsaying könnte seinen Zenit hinter sich haben.

Pinker analysiert die einzelnen negativen Zukunftsgerüchte noch breiter als Rosling. Er spricht von der »Progressophobie«, der geradezu zynischen Verachtung des menschlichen Fortschritts, den gerade die Intellektuellen pflegen. Weil die Welt nicht perfekt ist, dem inneren ideologischen Anspruch nicht entspricht, werden graduelle Verbesserung einfach ignoriert. Oder willentlich geleugnet. Das macht Pinker zornig. Es hängt sich weit aus dem Fenster, auch was das Politische betrifft. Negativität ist nicht harmlos, oder einfach immer nur deshalb berechtigt, weil man dann „auf ein Problem hinweist”.

Negativismus transportiert vielmehr falsche und gefährliche Weltbilder, die im Gesellschaftlichen fatale Nebenwirkungen haben. Wer die Welt zum Teufel schickt, öffnet Zynimus und Apathie Tür und Tor. Wer alle Trends schlecht redet, gibt den depressiven Dämonen Futter. Trump und die AFD und die vielen anderen Radikalen von Rechts brauchen apokalyptische Trendbehauptungen, sie brauchen „gefährliche Flüchtlingsströme” und „steigende Armut” und „immer mehr Gewalt”, um ihre einfachen Lösungen zu verbreiten. Populismus ist nichts Anderes als das Ausbrüten der Unvernunft auf falschen negativen Trend-Annahmen. Wer kritiklos die negativen Übertreibungen kolportiert, die überall in den Medien kursieren, macht sich mitschuldig daran, dass die Gesellschaft die Hoffnung verliert.

Stephen Pinker hat am eigenen Leib erfahren, wie man angefeindet wird, wenn man den Immerschlimmeristen widerspricht. Als er vor einigen Jahren mit seinem »The Better Angels of our Future« auf Lesereise ging erntete er überall einen Ad-Hoc-Shitstorm:

  • Wie können sie hier einfach behaupten, dass sich die Gewalt verringert hat? Haben Sie noch nie von den School-Amokläufen gehört oder den Fussball-Schlachten zwischen Hooligans gehört (Sie Ignorant!)?
  • Was für eine Arroganz! Für die Opfer des syrischen Bürgerkrieges oder die Menschen im Jemen sind doch diese Zahlen reiner Hohn!
  • Sie sagen also, wir sollen uns alle zurücklehnen und abwarten, bis sich die Gewalt von selbst verflüchtigt?
  • In wessen Auftrag haben sie diese Zahlen zusammengestellt? Der Rüstungsindustrie? Der Waffenlobby?
  • Und wie, bitte schön, wollen sie uns beweisen, dass das Massenschlachten, in das die Menschheit sich immer wieder gestürzt hat, nicht gleich wieder losgeht? Zahlen sagen doch rein gar nichts aus, sie sind ja nur stupide Statistik!

(Pinker engl. Ausgabe s. 44/45 ff)

Man spürt in diesen Reaktionen den Fanatismus, mit dem heute Negativität vertreten wird. Woran liegt das? Negativistische Weltbilder haben für diejenigen, die sie propagieren, offenbar eine wichtige seelische Funktion. Sie wirken wie eine innere Panzerung. Sie dienen vor allem auch der Schuldentlasung, und einer dünkelhaften Hochmütigkeit: Wer an den Untergang glaubt, macht sich selbst zum Schiedsrichter des Weltgeschehens, und ist gleichzeitig jeder Verantwortung enthoben. Er lebt im Grunde komfortabel in einer riesigen Weltverschwörung, die ihm alle Deutungsmacht gibt. Der »Deklinismus« ist vor allem eines: eitel.

Könnte es wirklich sein, dass wir heute, im Jahr 2018, vor einem neuen Aufklärungs-Diskurs stehen? Dass man demnächst wieder vernünftig und ohne Hysterie über die Bedingungen (statt die Unmöglichkeiten) menschlicher, technischer, sozialer Fortschritte sprechen kann? Das ist nicht ganz unwahrscheinlich. Gerade, weil sich der grenzenlose Digitale-Optimismus im Facebook-Skandal gerade verabschiedet, ist wieder Platz für differenziertes Denken. Es gibt inzwischen nach meinem Gespür einen Überdruss an den ewigen Übertreibungen, den hysterischen Zuspitzungen. Selbst der Spiegel, das Zentralblatt des melancholischen Zynismus, hat eine erstaunliche Kehrwende vollzogen. Nicht nur mit seiner Rubrik „Früher war alles Schlechter”. Seit einiger Zeit kann man dort hoffnungsvolle, ja regelrecht zuversichtliche Reportagen lesen. Etwa über die magische Funktion des Tanzes. Oder, vor Kurzem, eine Reportage über die wunderbare Wirkung der Straßenbahn von Addis Abeba in Äthiopien. Sowas wäre vor Jahren nicht einmal eine zynische ABER-Meldung wert gewesen („Chinesen oktroyieren armen Afrikanern falsche Technik auf”, oder so ähnlich).

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht nicht darum, dass wir „endlich wieder optimistisch werden”. Hans Rosling hat die Alternative zwischen Optimismus und Pessimismus immer weit von sich gewiesen. Als alle Journalisten ihn immer nur fragten, wie er denn um Himmels Willen „so optimistisch sein könne”, war seine leicht genervte Antwort: “I am not am Optimist, I’m not a Pessimist, I am a very serious POSSIBILIST!”

Optimismus und Pessimismus sind beides Ideologien, die die Welt auf das entweder Gute oder Schlechte verkürzen. Possibilismus hingegen heißt, dass ich auch das POSITIVE und WUNDERBARE für möglich halte. Etwa, dass sich die menschlichen Dinge VERBESSERN. Possibilismus bedingt, dass wir die Welt von mehreren Seiten betrachten, sozusagen dreidimensional. Ohne gleich vorweg Urteile zu fällen. An diesem Punkt trifft sich Possibilismus mit der Achtsamkeits-Bewegung. Possibilismus ist achtsamer Futurismus.

Und eine Entscheidung für SELBST-VERANTWORTUNG. Ich übernehme Verantwortung nicht nur für meine Taten, sondern auch für meine SICHTWEISEN. Ich weiß, dass ich mit meiner Sicht der Dinge die Welt auch ERZEUGE. Nicht im wörtlichen, »mächtigen« Sinne. Aber im Sinne der Be-schreibung, der mentalen Konstruktion, in der Haltungen irgendwann zu Ver-halten führen. Wir alle kennen den Begriff der Self-Fulfilling Prophecy.

Die Welt ist unglaublich komplex. Weil die Welt komplex ist, fehlen uns IMMER Informationen. Possibilismus traut sich zu, mit dieser Unsicherheit spielerisch, staunend und KONSTRUKTIV umzugehen.


© Gapminder Foundation

Auf dem Foto sehen wir Hans Rosling, wie er vor zehn Jahren auf der Bühne ein Schwert schluckt , um zu beweisen, dass das Unmögliche möglich ist. Auch den weltweiten Hunger zu bekämpfen.

Hans Rosling - Factfulness
Factfulness, geschrieben mit Ola und Anna Rosling, ist soeben im Ullstein-Verlag erschienen.
Erhältlich bei Amazon: www.amazon.de

Steven Pinker - Aufklärung JETZT
Steven Pinkers Buch erscheint im September 2018 in Deutsch.

Die englische Ausgabe ist bereits erhältlich: www.amazon.de