34 – Das wahre Sprechen

Über die kommende Twitterdämmerung

WÜRDEN SIE ein Auto kaufen, das immer mal wieder sinnlos im Kreis herumfährt, mit der Sitzheizung den Beifahrer grillt oder mit der Kofferraumklappe Fahrradfahrer malträtiert? Oder einen Kühlschrank, der eher wärmt statt kühlt, dabei Musik spielt und ständig Bier nachbestellt obwohl man Bier nicht mag?

Robert Habeck, unser nachdenklicher Grünen-Vorsitzende, hat sich getraut, aus einem Medium auszusteigen, das genauso funktioniert wie dieser »intelligente Kühlschrank« oder das marodierende Auto. Er hat sich von Twitter und Facebook verabschiedet. Seitdem geht der üblichen maulige Shitstorm durchs Netz: Habeck drücke sich vor den echten Diskussionen, er sei arrogant oder digitalfeindlich oder einfach feige.

DER Begriff »Soziale Medien« ist ebenso ungünstig und irreführend wie »Künstliche Intelligenz«. Diese Plattformen sind weder Medien (im Sinne des Medialen als Vermittlung), noch sind sie sozial. Sie bringen ihre Nutzer dazu, Affekte mit Gefühlen, miese Laune mit Kritik und Bösartigkeit mit Meinung zu verwechseln. Sascha Lobo sprach einmal von der »Vermeinung der Welt«. Im Getöse der Meinungen gewinnt am Ende immer das Trivialste und Lauteste, das Derbste und das Gröbste. Erregung und Aufmerksamkeit strukturieren die Welt.

Menschen sind Kommunikationswesen. Wir sind für unsere Zukunft darauf angewiesen, uns zu vereinbaren. Echte menschliche Kommunikation setzt jedoch voraus, dass ich mit Anderen IN BEZIEHUNG trete. Das heißt zuhören, wahrnehmen, sich öffnen. Es bedeutet, sich selbst Fragen zu stellen, die man mit anderen beantworten möchte. Es bedeutet, Innezuhalten, etwas wirken zu lassen. Die Distanz zwischen Affekt und Gedanke ist die Grundlage jeder Kultur. Nur so können wir uns menschlich verständigen.

Robert Habeck hat in mehreren Interviews geschildert, wie das Beschleunigungs-Prinzip Twitter inzwischen auch die politischen Talkshows übernimmt. Als Talk-Gast, so schildert er, wird man regelrecht gezwungen, sich twitterfähige Formulierungen zurechtzulegen, mit denen man dann taktisch das Gegenüber unterbricht. Welche fatalen Auswirkungen das auf unsere gesellschaftlichen Debatten hat, kann man in jeder Anne-Will-Plasberg-Slomka-Show erleben. Die Vertwitterung schafft Polarisierungen, Skandalisierungen, Vereinfachungen, die ständig auf Politikerhass und Politikverdrossenheit einzahlen. Das Ende dieser Evolution ist im amerikanischen Fernsehen zu besichtigen. Und in der amerikanischen Gesellschaft. Dass Trump der globale Twitterkönig ist, ist wahrhaftig kein Zufall.

Es ist schon seltsam, wie gerne selbst die schärfsten Kritiker des amerikanischen Monopolkapitalismus eben diese monopolitischen Medien nutzen. Twitter eignet sich eben auch bestens für jene billige, schnelle Moralisierungs-Empörung, mit der sich rechte wie linke Ideologien gerne tarnen. In seinem Wesen ähnelt Twitter viel mehr dem Volksempfänger, mit dem man einst Massen fanatisierte, als einem emanzipativen Medium. Es drückt jedem ein Megafon in die Hand – und gibt dann den Dirigenten der Megaphone ein Über-Megafon. Rund um die Uhr rauschen so virtuelle Mobs durchs Netz, die alles kleinhauen, was nach Konsens aussieht.

Zehn Jahre, nachdem der Mythos der »Sozialen Medien« entstand, sollten wir endlich verstehen, wie diese Instrumente die Infantilisierung der Gesellschaft vorantreiben. Es ist Zeit für eine Revolte, oder sagen wir besser: Eine Emanzipation. Die hat Habeck jetzt endgültig angestoßen. Lassen wir den süßen Terror von »Followern« und »Likes« hinter uns, auch wenn es schwerfällt. Fangen wir wieder an, wahrhaft zu sprechen. Das kann durchaus digital sein, aber nach anderen Regeln. Jeder, der diesen Schritt endlich tut, erlebt, wie heilsam das ist.

Lektüreempfehlung:
Jaron Lanier, Zehn Gründe, warum Du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, Hoffmann und Campe 2018
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